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Möglichkeitsraum: Afro-Futurismus

Aktualisiert: 26. Juli 2023

Christina Cissokho im Gespräch mit Yvonne Apiyo Brändle-Amolo

Panel Talk vom 26. Mai 2023, Stadtbibliothek Winterthur


Die Beiträge von African Voices machen afrikanische Möglichkeitsräume sichtbar, eröffnen neue Horizonte und bereichern unser Handeln. Der Afro-Futurismus kann als Dekonstruktion verstanden werden, der neue Narrative ins Leben ruft.

Der Afro-Futurismus durchbricht Dichotomien und schafft Raum für neue Möglichkeiten, um eine ausgewogenere Wahrheitssuche zu ermöglichen, starre Denkmuster zu durchbrechen und die eurozentrische Sichtweise in Frage zu stellen. In diesem Sinne sind die unterschiedlichen Formen der Afro-Futurismen immer politisch, weniger im Abarbeiten eines Partei-Programmes, sondern vielmehr im Aufdecken von gesellschaftlichen Fragen, die das Zusammenleben kritisch beleuchten und die marginalisierten Perspektiven ernst nehmen. Historisch reiht sich der Afro-Futurismus ein in andere Bewegungen, die den Kontinent Afrika neu erzählen, wie dies bereits der Panafrikanismus ab den 1920er Jahren unternahm und wichtige Denker wie Cheikh Anta Diop (Senegal) hervorbrachte. Ngũgĩ wa Thiong'o (Kenia) schreibt in seinem Buch von «Afrika sichtbar machen!», das 2022 neu verlegt wurde und nichts an Aktualität eingebüsst hat.


Yvonne Apiyo Brändle-Amolo verkörpert die Bewegung des Afro-Futurismus als Politikerin wie auch als Wissenschaftlerin und setzt ihr Engagement in der Kunst um. Im Panel-Talk mit Yvonne Apiyo Brändle-Amolo erkunden wir den Afro-Futurismus - Horizonterweiterung ist garantiert!

 

Natasha A. Kelly, African Voices, Afro-Futurismus, Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Christina Cissokho
Natasha A. Kelly: The Comet - Afrofuturism 2.0

Liebe Yvonne, welche Möglichkeitsräume eröffnen sich mit dem Afro-Futurismus?

Der Afro-Futurismus ist einfach gesagt eine kulturelle Bewegung, die einiges mit Science Fiction gemein hat. Es gibt uns - damit meine ich Menschen mit afrikanischen Wurzeln - die Möglichkeit, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten und diese durch unsere Perspektive sichtbar zu machen. Der Afro-Futurismus ist die einzige Bewegung die ich kenne, die uns die Möglichkeit gibt, Geschichte(n) neu und entsprechend unserer Realität und unserer Wahrheit zu erzählen und dabei den weissen Blick (White Gaze) in Frage stellt. Wir anerkennen eine intersektionale Perspektive. Nur durch die kritische Auseinandersetzung mit Vergangenem ist eine aktive Zukunftsgestaltung möglich. Afro-Futurismus regt konkret an, wie wir die Zukunft inklusiver gestalten möchten. Diese Bewegung ist für mich eine sehr positive und hoffnungsvolle Bewegung und für künftige Generationen bedeutend.

Innerhalb des Afro-Futurismus gibt es eine feministische Ausprägung. Der Afrofuturist Feminism ermöglicht die unterschiedliche Zeitlichkeit aus Frauenperspektive zu betrachten, denen afrikanische Frauen spätestens seit dem Kolonialismus durch europäische Stereotype und Vorurteile ausgesetzt waren und sind. Ein Beispiel ist Sarah Baartman, eine Khoikhoi aus Südafrika, die aufgrund ihrer Figur in London und Paris als sogenannt exotische Frau vorgeführt wurde und der gewisse Körperteile nach ihrem Tod ohne ihr Einverständnis entnommen wurden. Gegen solche Vorurteile und Ungerechtigkeit kämpft der Afrofuturist Feminism an.


Diese politische Dimension werden wir später noch vertiefen. Zuerst aber: Woher kommt der Afro-Futurismus und wie verbreitet ist diese Bewegung in Afrika?

Der Afro-Futurismus kommt aus den USA und ist sehr verbreitet in Kenia, wie auch auf dem afrikanischen Kontinent. Wanuri Kahiu ist eine kenianische Filmregisseurin, die unterschiedliche Genres bedient - u.a. auch afro-futuristische Filme. Ein in der Schweiz bekannteres Beispiel für den Afro-Futurismus ist der Film «Black Panther», der afrodeszendente Menschen in der Hauptrolle sieht.

Afro-Futurismus erlaubt inklusiver zu Denken, macht marginalisierte Menschen sichtbar oder bricht Geschlechterrollen und örtliche oder geistige Grenzen auf.


Wie beeinflusst der Afro-Futurismus deine Arbeit als Femme-Artivistin?

Yvonne Apiyo Brände-Amolo, Femme-Artivistin, Afro-Feminismus, African Voices, Christina Cissokho
Yvonne Apiyo Brändle-Amolo

Oh, so sehr! Der Afro-Futurismus beeinflusst mich sehr. Meine Kunst hat immer mit digitalen Medien des Cyber Space zu tun, wie mein Kurzfilm «NOT Swiss Made» oder auch meine Collage zeigt, die derzeit im Stadthaus Zürich zu sehen ist («Blinde Flecken - Zürich und der Kolonialismus»). In dieser Collage ist es möglich, mittels QR-Code kurze Clips anzusehen, welche die Realität von Schwarzen Frauen erzählt. In meiner Kunst versuche ich die verwobenen Geschichten des Miteinanders mit unterschiedlichen Medien auszudrücken.



Durch eine Ausstellung zu nigerianischen Schriftsteller*innen (vgl. Afro-Thek) versucht African Voices, anhand der Literatur die Schwarzen Perspektiven sichtbarer zu machen. In zwei dieser Bücher geht es um den Afro-Futurismus, der Afrika als Zentrum des Handelns beschreibt: In einer Erzählung von Lesley Nneka Arimah hängt an der Wand eine afro-futuristische Landkarte. Diese sieht so aus: «Das meiste von dem, was Nordamerika gewesen war, war von Wasser bedeckt, und wo Europa gelegen hatte, befand sich ein Meer. Russland war ein nasses Grab. Die einzigen Kontinente, die sich die See noch nicht ganz oder teilweise genommen hatte, waren Australien und die Vereinigten Länder – das ehemalige Afrika» (Arimah, S. 141). Auch in «Lagune» von Nnedi Okorafor befindet sich das Zentrum von Veränderung in Lagos, Nigeria. Was bedeuten solche afro-futuristischen Visionen konkret für die Zukunft von afrodeszendenten Menschen?

Ich bin jetzt 23 Jahre hier in der Schweiz und ich glaube, dass ich trotz der negativen Erfahrungen hier so lange durchhalten konnte, weil ich nicht hier geboren wurde. In Kenia war mir von klein auf klar, dass ich und andere mich genauso lieben, wie ich bin. Für afrodeszendente Kinder die hier aufwachsen wird ihre Zugehörigkeit häufig in Frage gestellt, obwohl sie in der Schweiz geboren sind. Um in der schweizerischen Gesellschaft vollumfänglich geborgen zu sein braucht es auch für Schwarze Kinder diese bedingungslose Liebe und Akzeptanz.

Ich meine, es geht um die Gewissheit, um die Sicherheit und es geht um das Selbstwertgefühl von afrodeszendenten Kindern, die in der Schweiz leben, im Sinne von: du bist schön, wie du bist und du bist genauso, wie du bist, vollkommen. Eine afro-futuristische Perspektive stärkt afrodeszendente Menschen und gibt ihnen durch neue Held*innen-Geschichten Hoffnung, indem Chancen und Möglichkeiten als Weg visualisiert und ernst genommen werden.

Dies erlaubt afrodeszendenten Kindern zu träumen und ihre eigene Lebensgeschichte in der vollen Entfaltung zu leben und beispielsweise Ärztin zu werden.


Diese Seite von Empowerment, die du soeben beschrieben hast, ist eine Komponente des Afro-Futurismus. Ein anderer, kritischer Pfeiler des Afro-Futurismus behandelt Dr. Natasha A. Kelly in ihrem Buch «The Comet – Afrofuturism 2.0». Dort wird die philosophische Frage, wie die sogenannte Wirklichkeit erzählt wird, hinterfragt. Kelly schreibt: «Ich befürchte, dass unsere Periodisierung der Zeit Teil der falschen Geschichte der Welt ist. Wenn wir präkolonial oder prämodern, modern und postmodern sagen, drücken wir in Wirklichkeit eine politische Vision aus, die afrikanische Agency negiert und Zeit verzerrt» (Kelly 2020: 72). Kannst du diese Passage mit konkreten Beispielen ergänzen?

Wichtig zu verstehen ist, dass afrikanische Menschen schon vor der Kolonialisierung existiert haben und normal und gut gelebt haben. Afrikanische Frauen sind - wie wir dies zum Thema Afro-Feminismus besprochen haben - sehr stark, auch wenn sich dies von der europäischen Wahrnehmung möglicherweise unterscheidet. Afrikanische Menschen sind aktiv, auch wenn wir das Leben anders gestalten als in Europa.

Ich sage immer: Africa is the future! Die afrikanischen Rohstoffe, welche durch Europa oder die USA geplündert werden, sind nur ein Beispiel. Wenn Afrika sich dessen bewusst ist, würde die Welt heute anders aussehen. Mit dem Afro-Futurismus ist es möglich, diese Welt neu zu denken. Das Thema der Reparationszahlung muss ernst genommen werden - ein Vorstoss in der UNO läuft. Der Afro-Futurismus nimmt also auch politische Lösungen mit ins Visier.


Wir haben nun gesehen, dass Afro-Futurismus auf unterschiedlichen Ebenen Möglichkeiten bietet, die Welt neu zu denken. Afro-Futurismus ist jedoch besonders mit dem Film «Black Panther» (2018) aus der Populärkultur bekannter geworden. Gerne möchte ich dieses Beispiel genauer beleuchten. «Black Panther» ist kurz zusammengefasst ein Superheld*innen-Film, mit einem afrikanischen Königreich, Wakanda, im Zentrum. Wakanda besitzt ein Metall (Vibranium), das den Besitzenden dieses Metalls Superkräfte verleiht, wodurch Wakanda eine technologische Weltmacht ist, die u.a. Kriegerinnen hervorbringt. Was zeigt dieser Film aus afro-futuristischer Perspektive auf?

Mit diesem Film ist es erstmals gelungen, eine Welt zu zeigen, die ein afrikanisches Königreich im Mittelpunkt hat und afrikanische Menschen nicht unterdrückt. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Films ist, dass Wakanda eine mächtige Nation darstellt, die von einer Frau, Königin Ramonda, regiert wird. Dies in Anlehnung an die Tatsache, dass es in Afrika einige sehr mächtige Königinnenreiche gab. Diese Königinnen haben die Kolonialisten erfolgreich bekämpft! Diese wichtige Perspektive aber fehlt leider bis heute nahezu immer, wenn die Kolonialgeschichte aus europäischer Sicht erzählt wird!

Konkret bedeutet dies, dass dieser Film für unsere afrikanische Community so bedeutend war, dass wir in Zürich eine WhatsApp Gruppe gegründet und alle gemeinsam diesen Film angeschaut haben. Das tat wirklich gut - und: diese Chat-Gruppe existiert bis heute und hat uns näher zusammengebracht!


Nnedi Okorafor plädiert für einen afrikanischen Futurismus, der noch mehr die afrikanische Mythologie miteinbezieht. Braucht es diese Unterscheidung oder müssen wir von Afro-Futurismen (im Plural) sprechen?

Ja und Nein. Zum einen hat Nnedi Okorafor am Skript von «Black Panther» mitgeschrieben und konnte so ihren Beitrag leisten. Zum andern gibt es bei «Black Panther» tatsächlich diese Veränderung von kulturellen Elementen, welche nicht mehr den ursprünglichen, kulturellen Bedeutungen entspricht.

Die Meinung geht in dieser Frage tatsächlich auseinander. Wichtig ist das Verständnis, dass Kultur für jede Person etwas Heiliges ist. Und diesen zentralen Kerngedanken einer jeden Kultur sollte aufrechterhalten werden. Ein weiterer Reibungspunkt war, dass der Film «Black Panther» weder in Afrika gedreht wurde, noch afrikanische Schauspieler*innen engagierte. Wir hatten gehofft, dass mindestens die Hälfte der Schauspieler*innen Afrikaner*innen sein würden. Trotzdem meine ich: Kultur lebt vom Austausch und es bedarf viel Feingefühl, um den Kerngedanke einer Kultur zu erhalten.


Wenn wir auf das Gespräch zurückblicken, sind für mich die «agency», d.h. aktiv zu handeln und die «Afrozentrik», d.h. Afrika sichtbar zu machen, die Essenz von Afro-Futurismus. Wie siehst du das und möchtest du noch etwas ergänzen?

Nein (lacht). Das hast du sehr gut zusammengefasst. Ergänzend zu erwähnen ist noch der Empowerment-Gedanke, der Veränderung auf eine positive Art sieht.

Dinge positiv zu betrachten - das ist für mich ein Wesenszug von afrikanischer Denkweise im Allgemeinen. Dies ist eine Form einer gesunden Resilienz. Trotz allem, was wir durchmachen mussten, sehen wir die Dinge noch immer positiv. Trotz allem, finden wir immer noch etwas, worüber wir lachen können. Denn: wenn man keine Hoffnung mehr hat, kann man sich einfach hinlegen und sterben!

Zum Schluss: Was wünscht du dir für die afro-futuristisch-feministische Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die afrofuturistisch-feministische Bewegung ihren Aktionsradius vergrössert und das wir noch mehr Allies wie dich mitnehmen können, die uns in dem was wir tun verstehen und mitmachen wollen. Wir wollen euch nicht ausschliessen - wir wollen lediglich, dass ihr unsere Anliegen durch unsere Perspektive wahrnehmen könnt.

Herzlichen Dank liebe Yvonne für deine Sichtweise, die geprägt ist von deinem Tatendrang, deiner positiven Weltsicht, deiner Weisheit und deinem Reichtum an Erfahrung, die für die Schweiz eine grosse Bereicherung ist, da es durch dich möglich ist, Brücken zu schlagen und Wege gemeinsam zu gehen! (mehr über Yvonne Apiyo Brändle-Amolo im Afro-Portraits hier).

Hast du etwas Neues gelernt?

  • Ja!

  • Ich bin Afro-Futurismus-Spezialist*in: mehr schadet nie!

  • Nein!


 

Hinweise

race: Lehnwort aus dem Englischen, welches statt seiner deutschen Übersetzung verwendet wird. Der Begriff ist als soziale Konstruktion zu verstehen und nicht, wie der deutsche Begriff "Rasse" suggeriert, als biologisches Konzept.


Schwarz: wird als Selbstbezeichnung Schwarzer Menschen und soziale Kategorie gross geschrieben.


Weiss: wird kursiv geschrieben, um auf die gesellschaftliche und soziale Dimension des Weissseins hinzuweisen und damit auf eine dominante und privilegierte Position innerhalb unseres globalen Systems.

(vgl. weitere Ausführungen bei Rafia Zakaria)


Literaturangaben

Arimah, Lesley Nneka (2019). Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt. CulturBooks Verlag.

Kelly, Natasha A. (ed.) (2020). The Comet - Afrofuturism 2.0. Orlanda Verlag GmbH.

Ngũgĩ, wa Thiong'o (2022). Afrika sichtbar machen! UNRAST-Verlag, 2. Auflage.

Okorafor, Nnedi (2016). Lagune. Cross Cult.

Okorafor, Nnedimma Nkemdili (2019). Africanfuturism Defined. Nnedi's Wahala Zone Blog. http://nnedi.blogspot.com/2019/10/africanfuturism-defined.html (10.07.2023).

Sarr, Felwine und Bénédicte Savoy (2019). Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Matthes & Seitz Berlin.


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