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Visionäre Afrikas mit Dr. M. Diallo

«Was allen gehört, soll allen zugutekommen»

Dr. Moustapha Diallo, Autor und Verleger zeigt im Gespräch mit Christina Cissokho visionäre Ideenstränge auf, legt Heldengeschichten eines Cheikh Anta Diop oder eines Ousmane Sembène offen und ordnet die politischen Entwicklungen im Senegal mit der Wahl von Bassirou Diomaye Faye als Zeichen eines neuen Afrikas ein. Das Gespräch zeigt deutlich, dass ein Aufbruch und die Frage des «wohin» eng mit dem Vergangenen und der Frage des «woher» verflochten sind, sowohl im gesellschaftlichen wie im individuellen Leben.


Im einstündigen Gespräch wird klar, dass der Literaturwissenschaftler Dr. Moustapha Diallo viele Projekte und noch mehr Ideen hat. Er lässt uns teilhaben an seiner spannenden Lebensgeschichte und seiner kostbaren Sicht auf die Welt. Ein Auszug.


 

Mit Dreadlocks in der universitären Welt oder biografische Eckpunkte eines senegalesischen Intellektuellen


Dr. Moustapha Diallo

Mit einem nichtkonformen Äusseren kann die Welt bisweilen schlecht umgehen. Dr. Moustapha Diallo kennt das zur Genüge. Er erzählt vom Senegal der 1990er Jahre. Seine Dissertation an der Universität in Dakar wurde wegen seiner Dreadlocks abgelehnt. Seine Prinzipientreue bezahlte er damit, dass er gezwungen war, seine Dissertation in Frankreich einzureichen und die Pläne der universitären Anstellung in Dakar, inkl. des Familiennachzug in den Senegal, begrub. Persönlich motivierte, rassistische Ausschlusskriterien verunmöglichten seine Habilitation in den 2000er Jahren in Deutschland ebenso.



Vielmehr aber als der Groll auf halsstarrige Systeme (und Menschen) lenkt Diallo den Blick auf seine wissenschaftliche Tätigkeit – und weitet damit den Blick auf «Visionäre Afrikas». Diallo beschäftigt sich in seinen Anfängen wissenschaftlich mit Ingeborg Bachmann und bleibt an ihrem unvollendeten Roman «Der Fall Franza» hängen. Diallo greift die geschichtlichen und kulturellen Themen der Reise Bachmanns in den Sudan und nach Ägypten (1964) auf. Und bei den postkolonialen Themen ist er sich sicher: «Ingeborg Bachmann muss Frantz Fanons Buch Die Verdammten dieser Erde gekannt haben!»


Auf Spurensuche von Visionären Afrikas

Als Herausgeber eines Buches mit dem Titel «Visionäre Afrikas – der Kontinent in ungewöhnlichen Portraits» und der Sammlung von über 40 visionären Lebensgeschichten ist die Frage naheliegend, was eine*n Visionär*in auszeichnet. Diallo definiert es so:


«Visionäre Menschen haben eine Idee oder eine Vorstellung einer Gesellschaft, in der sie leben möchten. Visionäre Afrikas wenden sich darüber hinaus von den Kolonialkulturen ab und der afrikanischen Originalität zu. Ob sie kleine oder grosser Veränderungen herbeiführen, ist dabei zweitrangig».



Welche afrikanischen Visionäre für ihn persönlich bedeutend sind, will ich wissen. Ohne zu zögern, fallen zwei grosse Namen. Der Name des Cheikh Anta Diops fällt erneut.


«Cheikh Anta hatte eine grosse Sprengkraft, denn bereits 1951 legte er seine Dissertation in Paris mit der Hypothese vor, dass die alten Ägypter nicht wie bis anhin suggeriert weiss, sondern Schwarz waren. Folglich ist die erste Hochkultur afrikanisch und nicht etwa europäisch, woran bis heute, mit dem stetigen Bezug auf die Griechen, festgehalten wird»,


erklärt Diallo und führt weiter aus, dass solche revolutionären Gedanken zu dieser Zeit erst einmal verdaut werden mussten. Das dauerte! Ganze 9 Jahre lang, bis die Dissertation von Cheikh Anta Diop in Paris angenommen wurde! Im Senegal erging es Diop zur damaligen Zeit nicht besser:  Während der Amtszeit des europatreuen Léopold Sédar Senghor wurde der Philosoph totgeschwiegen. Seine Verdienste wurden erst nach seinem Tod (1986) erkannt.

 

Anders erging es dem anderen Vorbild Diallos: Thomas Sankara. Dieser war schon zu Lebzeiten eine Ikone und in den 1980er Jahren bei der Jugend sehr beliebt. Offizier Sankara putschte sich 1983 an die Macht Burkina Fasos und war aufgrund seiner panafrikanistischen und antiimperialen Gedanken für sehr viele ein grosses Vorbild. Er trat für ein selbstbewusstes Afrika ein, wollte die Gesellschaft verändern und, wie Diallo immer wieder erwähnt, die vollständige Unabhängigkeit herbeiführen. Für Diallo ist klar,


«nur die geistige Entkolonialisierung kann die wahre Unabhängigkeit und folglich die Freiheit herbeiführen».

 

Aus beiden Lebensbiografien zieht Diallo wichtige Inspirationen für sich selbst und ein visionäres Afrika: Zum einen das Einstehen für die Unabhängigkeit in einem politischen Sinne eines Sankaras, zum andern aber auch die Bedeutung der intellektuellen Arbeit eines Diops.

 

Hinweis: Die detaillierten Biografien dieser und weiteren 40 Visionären können in Diallos Buch nachgelesen werden. Bestellbar direkt im Kaddu-Verlag.


Von der Scheinunabhängigkeit zur vollständigen Freiheit

Mit Blick auf den neugewählten, senegalesischen Präsidenten Bassirou Diomaye Faye steht die Frage im Raum, ob wir uns in einer neuen Ära befinden und sich intellektuelle und künstlerische Bemühungen, wie z.B. die des senegalesischen Schriftstellers Ousmane Sembène, heute auszahlen.

 

Diallo differenziert und ordnet anhand unterschiedlicher Blickwinkel ein. Er erläutert, dass Sembène tatsächlich das einfache Volk in seinen Werken in den Mittelpunkt stellt und sein Zentrum in seinem Schaffen immer Afrika ist. So gesehen wurde dieses afrikanische Selbstbewusstsein mit Sembène (und weiteren senegalesischen Intellektuellen) im Volk gestärkt. Dies mündet aktuell im Sieg der neuen Regierung mit Bassirou Diomaye Faye und Ousamane Sonko und der Partei PASTEF (Patriotes africains du Sénégal pour le Travail, l’éthique et la fraternité) in der Wahl vom 24. März 2024.

 

Der PASTEF ist als erster Partei in ganz Afrika gelungen, in der ersten Runde und aus der Opposition einen Wahlsieg zu erringen. Ohne den starken Rückhalt im Volk und den unerbittlichen Bemühungen von Ousmane Sonko wäre dies ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. PASTEF verspricht, die senegalesischen Interessen ernst zu nehmen und die elitäre Denkweise abzuschütteln. Der Slogan der PASTEF verdeutlicht dies


«Was allen gehört, soll allen zugutekommen» (Wolof: «Li ñëpp bokk, ñëpp jott ci»).


Die aktuellen Geschehnisse sind in diesem Sinne die Fortführung der Gedanken eines Cheikh Anta Diop oder eines Ousmane Sembène. Nach 64 Jahren Scheinunabhängigkeit ist die Zeit reif für einen Neuanfang, für die vollständige Freiheit.

 

Aufgrund des bisher Gesagten ist es selbstverständlich an der Zeit, diese Errungenschaft zu feiern. Genauso braucht es aber auch ein Innehalten, um sich von den Verstrickungen der kolonialen Vergangenheit, die bis heute andauern, zu lösen. Diallo untermauert dies an konkreten Beispielen: auf der wirtschaftlichen Ebene bedeutet dies, dass die Reichtümer Afrikas nicht mehr weiter durch die ehemaligen Kolonialmächte abtransportiert und verscherbelt werden oder die Währung des FCFA an die französische Währung gekoppelt wird. Auf einer intellektuellen Ebene soll die Kolonialsprache durch die eigenen, afrikanischen Sprachen ersetzt werden.


«Bis heute wirkt die geistige Kolonisation noch immer», so Diallo abschliessend.

 

Schlüsselelemente für den visionären Aufbruch im Senegal

Zum Schluss erklärt Diallo diesen historischen Meilenstein der Präsidentschaftswahl anhand der treibenden Faktoren: Ousmane Sonko und der Kraft der Bevölkerung.  

 

Diallo erzählt, dass die Partei PASTEF seit 2014 besteht und von Ousmane Sonko gegründet wurde. Sonko arbeitete bereits 15 Jahre in der Steuerbehörde, als er 2016 den ersten grossen Skandal der Korruption aufdeckte und in der Folge widerrechtlich entlassen wurde. In der Präsidentschaftswahl von 2019 erlang Sonko als Drittplatzierter eine Bekanntheit als Korruptionsgegner und: als ehrlicher Mensch. Als Ousmane Sonko 2021 als einer von rund tausend Oppositionellen inhaftiert wurde, ging die Bevölkerung auf die Strasse und erzwang seine Freilassung. Das Wegsperren von Andersdenkenden hatte in der Regierung Macky Sall zunehmend System und wurde von der Bevölkerung entlarvt. Der Versuch, Sonko drei Jahre später erneut mit einer Inhaftierung mundtot zu machen, ist kläglich gescheitert – die Rechnung wurde ohne die Bevölkerung gemacht.

 

Die Treiber dieser neuen Aufbruchstimmung waren weniger die Intellektuellen oder die Künstlerinnen, die seit den 1960er Jahren aktiv sind. Der entscheide Faktor des Erfolgs der letzten 10-15 Jahre ist die Bevölkerung selbst, die bereit für Veränderung ist. Eines ist klar:


«Was teilweise in afrikanischen Ländern falsch läuft, das spüren die Afrikaner*innen selbst, am eigenen Leib – sie leben ja vor Ort und sind nicht blöd, dazu braucht es keine Belehrungen aus Europa»,


so Diallo. Weiter führt er aus:


«Aktuell aber darf eines nicht vergessen werden: Der Einbezug der Sozialen Medien! Sie verbreiteten Protestaktionen, z.B. jene der Diaspora in Den Haag, die wie ein Lauffeuer die Runde machten».


Die Kraft der eigenen Bevölkerung ist nicht zu unterschätzen.

Für den Kontinent Afrika gesprochen zeigt das Beispiel Senegals, dass ein Neuanfang durch die Bevölkerung möglich ist. Diese Entwicklungen werden für andere autoritäre Machthaber, wie Alassane Ouattara in der Côte d’Ivoire, für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen Auswirkungen haben, was entsprechende Beiträge in den Kanälen der ivorischen Sozialen Medien bereits jetzt zeigen.

 

Dr. Moustapha Diallo ist bereit für diese neue Ära: Er wird weiterhin an dieser vollständigen Unabhängigkeit arbeiten und wenig bekannte Geschichten aufdecken. Aktuell arbeitet er an einem Buch über die senegalesische Visionärin und Widerstandskämpferin Ndatté Yalla aus dem 19. Jahrhundert. Wir dürfen gespannt sein.


Dr. Moustapha Diallo wird ab dem 16. Mai 2024 an einer Reihe von Veranstaltungen zu Gast sein, wo Gespräche zu Visionären Afrikas (am 17. Mai 2024) und der Bezug zur afrikanischen Literatur vertieft werden. Ein Besuch lohnt sich!


Veranstaltungshinweise:







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